BIN BESCHÄFTIGT

13. Oktober 2006 – 07. Januar 2007


Francis Alys (B), John Baldessari (USA), Alice Creischer/Andreas Siekmann(D), Josef Dabernig (A), Matthias Klos (A/D), Aernout Mik (NL), Jean-Luc Moulène (F), Adrian Paci (AL/I), Danica Phelps (USA), Reinigungsgesellschaft (D), Corinna Schnitt (D), Elisabeth Schimana/Markus Seidl (A) Antje Schiffers (D), Ingo Vetter/Annette Weisser(D)

„Leben ohne Arbeit“, schreibt der Psychoanalytiker Sigmund Freud, „kann ichmir nicht recht behaglich vorstellen. Fantasieren und arbeiten fällt für mich zusammen, ich amüsiere mich bei nichts anderem.“Ne travaillez jamais – Arbeit?

Niemals! Dieser den Situationistenzugeschriebene Slogan umschrieb hingegen vor über 50 Jahren das „wirklich revolutionäre Problem“, nämlich die Freizeit. Die Gründungsmitglieder derfranzösischen Situationisten wussten, wovon sie sprachen: „Da wir einige Jahre buchstäblich mit dem Nichtstun verbracht haben, dürfen wir unsere soziale Einstellung als avantgardistisch bezeichnen. Denn in einereinstweilen immer noch auf Arbeit basierenden Gesellschaft haben wir ernsthaft versucht, uns ausschließlich der Freizeit zu widmen.

Was ist Arbeit? Beruf, Karriere und vielleicht Selbstverwirklichung sindheute unumstößliche und gleichzeitig brüchig werdende Modelle. Dem stehen Nichtstun, Muße aber auch alltägliche Beschäftigungen, sinnlose oder selbstgewählte Betätigungen anscheinend unvereinbar gegenüber. Sind sie Keimzellevon Identitätsbildung oder in kauf genommenes Beiwerk der Effektivität, ein Übel zur Regeneration des Eigentlichen – sprich der Arbeitsfähigkeit? Istungezielte Aktivität auch (notwendige) Arbeit oder schleichende Entgrenzungvon Arbeit, latente permanente Produktivität? Womit wir beschäftigt sind, muss nicht unbedingt das sein, was uns beschäftigt. Das was uns antreibt,neugierig oder was uns Sorgen macht, was uns voranbringt oder entspannt –all das ist oft etwas anderes als unsere Arbeit. Es kann aber auch genau dieser unser Job sein, der uns all dies bietet.

Die Vorstellung vom Künstler als personifizierten Müßiggänger hat sich bis
heute bewahrt. Das Bild des autonomen Künstlers im einsamen Atelier gehört
jedoch einer romantisch-bürgerlichen Vergangenheit an. Künstler werden
zunehmend zu Grenzgängern zwischen den beiden Polen Arbeit und Muße. Sie
sind typische „Individualunternehmer“, also Selbstausbeuter. In der
Neukonzeption von Arbeit löst sich diese zunehmend im Begriff der
Kreativität auf. Hierarchien verschwinden zugunsten von verantwortlicher
Selbstorganisation.

Die Ausstellung greift sowohl Diskussionen um die Begriffe Arbeit und
Freizeit und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Bewertungen auf,
wie sie diese auch aus der Perspektive der Kunst heraus problematisiert. Das
Spannungsfeld der künstlerischen Projekte beginnt mit John Baldessaris
Statement „I’m making art“ aus dem Jahre 1971, der von der Keimzelle der
künstlerischen Frage im Atelier ausgeht: In welchem Verhältnis stehen
Handeln und Produkt?

Kuratorin: Gabriele Mackert
 
Das Ausstellungsprojekt ist eine Kooperation mit der Arbeitnehmerkammer
Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen und wird gefördert durch die
Kulturstiftung des Bundes.

Es erscheint ein begleitender Katalog mit Texten von Frauke Ellßel, Thomas
Frey, Elke Krasny, Gabriele Mackert, Roberto Ohrt, Ramón Reichert, Barbara
Schröder, Holger Kube Ventura und Künstlertexten.
ZUM KATALOG
 

BEGLEITPROGRAMM

ÜBER DIE IDEE DES BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS
Vortrag von Ludwig Paul Häussner
Donnerstag, 19. Oktober, 19.00 Uhr
Ludwig Paul Häussner erarbeitete am Interfakultativen Institut für Entrepreneurship der Uni Karlsruhe zusammen mit dem dm – Gründer Götz W. Werner die Idee für ein bedingungsloses Grundeinkommen, das in Verbindung mit einem radikalen Umbau des Steuersystems, allen Bürgern Freiräume für selbst bestimmte und selbst gewählte Tätigkeiten ohne staatliche oder betriebliche Bevormundung eröffnen soll.
Anschliessend
EIN DORF TUT NICHTS
Projektpräsentation, Filmscreening und Diskussion
Elisabeth Schimana und Markus Seidl im Gespräch mit Paul Ludwig Häussner. Im Juni 2000 suchten Schimana und Seidl ein Dorf mit bäuerlichen Strukturen, dessen BewohnerInnen bereit sind, sieben Tage nichts zu tun. Für Ersatzpersonal und Verpflegung wurde gesorgt.

DIE LEGENDE VOM KÜNSTLER ALS ENTREPRENEUR

Vortrag von Dr. Ramón Reichert
Donnerstag, 9. November , 19 Uhr
Bestmögliche Effizienz, maximale Flexibilität und höchste Innovation: Heute durchdringt die Superlativ-Rhetorik des Ökonomischen sämtliche Bereiche des sozialen Handelns. Marktförmige Lebensführung soll künftig auch das Imagedesign vom Künstler dominieren. Bei der Ökonomisierung des Künstlerbildes geht es jedoch weniger um die Aufwertung des Berufs „Künstler" noch um die soziale Anerkennung von „Kunst", sondern vor allem um eine strukturelle Disziplinierung widerspenstiger Praktiken. So gilt zwar für die Legitimation elitärer Unternehmenskultur das Künstlersubjekt als Avantgarde des erfolgsmotivierten und innovativen, selbständigen und kreativen Mitarbeiters. Doch in dieser Legende vom Künstler als Entrepreneur wird das künstlerische Feld als einer der „unsicheren Orte des sozialen Raumes" (Pierre Bourdieu) und die sozial prekäre Lebensweise von Künstler/innen vollkommen ausgeblendet. Der im Artenschutzprogramm hegemonialer Kunstdiskurse bewahrte Mythos vom autonomen Künstlersubjekt steht dem Alltag freiberuflich tätiger Künstler/innen, die von ihrer Kunst alleine nicht leben können und daher mit unregelmäßigen und niedrigen Einkommen konfrontiert sind, diametral gegenüber.

Dr. Ramón Reichert, Kultur- und Medientheoretiker, Universitätsassistent am Institut für Medientheorie der Kunstuniversität Linz

DAS TOTALITÄRE DER ARBEIT?
Vortrag von Prof. Dr. Gerburg Treusch-Dieter
Donnerstag, 30. November, 19 Uhr
Deutschland hat knapp 5 Millionen offizielle Arbeitslose. Diesen kann man Arbeit „am Arbeitsmarkt“ nur dann vermitteln, wenn sie vorhanden ist. Offensichtlich wird dies vorausgesetzt, was heißt, die wachsende Zahl von Arbeitslosen wird auf ihre Arbeitsunwilligkeit zurückgeführt. Zu was solch öffentliches Denken führen kann, darüber handelt der Vortrag.

Gerburg Treusch-Dieter lehrt an der FU Berlin, der HdK Berlin und an der Universität Wien.

 

UNORTNUNG. EINE PRAKTISCHE LESUNG. VOM NICHTSTUN. OTIUM. VEREIN ZUR REHABILITIERUNG VON MUSSE & MÜSSIGGANG
Ortstermin
Freitag, 1. Dezember, 14 Uhr
Mit: Sophie Warning, Ludwig Sasse, Felix Quadflieg, Eberhard plümpe, Zourab Aloian
Treffpunkt: Kreuzung Neuenlander Strasse / B75

VERFLÜSSIGUNGEN / WEGE UND UMWEGE VOM SOZIALSTAAT ZUR KULTURGESELLSCHAFT
Adrienne Goehler
Donnerstag, 14. Dezember, 19 Uhr

Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft
Adrienne Goehler, war GAL-Abgeordnete in der Hamburger Büft, zwölf Jahre Präsidentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste und von 2001 bis 2002 Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Berlin. Sie lebt als freie Publizistin und Kuratorin in Berlin und Portugal. Ihre These: Deutschland hat ein enormes kreatives und kulturelles Potenzial. Der Skandal ist: Es wird nicht zum Wohle der Gesellschaft genutzt. Wissenschaft und Künste bleiben im Ghetto, die Politik schottet sich ab.
Sendetermin Radio:
Samstag, 16. Dezember, 11-13 Uhr
"KulturKöpfe" des Vereins kulturg.u.t. im Bürgerfunk Bremen, UKW 92,5 MHz oder per Internetstream unter www.schwankungen.de
Kommentar: Carsten Werner, Junges Theater Bremen

"AUF KOMANDIROWKA"
Künstlergespräch mit Antje Schiffers
Sonntag, 7. Januar, 16 Uhr

NICHTS   DROGE    STREIK   DOLCE
Sonntag, 7. Januar, 18 Uhr
Eine Improvisationssuite in 4 Teilen für Geige und Klavier. Die beiden Musiker beziehen sich dabei auf Werke und Thema der Ausstellung und machen sich ihre "Gedanken" zu Warten, Langeweile, Leere, Nervosität, Erschöpfung, Maßlosigkeit, permanente Beschleunigung, Streik und Muße.

Christoph Ogiermann, Geige
Michael Rettig, Klavier