JOHANNES KAHRS

WHY DON'T YOU PAINT MY PORTRAIT?

27. November 1998 – 31. Januar 1999

Johannes Kahrs (geb. 1965, lebt in Berlin) zeigte in der Ausstellung neben Bildern auch seine Arbeit mit anderen Medien: Video, Skulptur, Plakat. Es erschien ein Katalog, der von der Alfried Krupp von Bohlen und der Halbach-Stiftung im Programm "Kataloge für junge Künstler" gefördert wurde.

Rhythmen der Selbsterkundung (aus dem Weser Kurier vom 28.11.1998)

Johannes Kahrs stellt in der GAK aus

Man muß die Dinge nur lange genug fixieren, dann zeigen sie sich auch von anderen Seiten, zeigen, wie und was sie auch sein könnten. Das scheint uns Johannes Kahrs vorzumachen. Auf einem Videomonitor erscheint eine Hand, die einfach liegt, ohne daß etwas passiert. Wer gewitzt und nicht sicher ist, ob die Veränderungen nur so langsam ablaufen, daß sie kaum zu bemerken sind, wartet und wird schließlich mit dem Auftreten einer roten Linie konfrontiert, aus der langsam Blutstropfen hervortreten – eine "Perle" an der anderen. Es ist eine hochemotionale Arbeit, die sehr knapp formuliert und unbelastet von jeglicher bewußt mitgedachter Symbolik ist, wie Kahrs versichert.

Als Symbol – man könnte an Stigmata denken – wäre sie auch zu platt, und die Stärke der Arbeit liegt in den Ambivalenzen, in sich überkreuzenden wie widersprechenden Stimmungen, die sie beim Betrachter wecken. Die frisch gezogene Linie als erster kreativer Akt,  das hervorquellende Blut verwandelt die Szene in eine Verwundung, wobei das frische Quellen auch wieder Erzeugungscharakter im Sinne von Lebensstiftung gewinnt. Johannes Kahrs hat, wie er sagt, nur eine Linie erfunden. Die zweite Videoarbeit paraphrasiert sozusagen das Thema Selbstporträt und ist aus einer Performance hervorgegangen. Man sieht Kahrs frontal ins Gesicht, das er mit breiten Tesastreifen zuklebt und sie wieder abreißt. Die Geräusche des Reißens und Klatschens der zurückweichenden Haut werden simultan mitgeliefert und rhythmisieren den zweiminütigen Clip zusätzlich zu den "Film"-Schnitten. Passion und Ironie durchdringen sich.

Die kleine Selbstdarstellung beinhaltet jene aus der langen Selbstporträttradition der Malerei bekannten Phänomene eines oftmals komplizierten Umgangs mit sich selbst im Sichentbergen und Sichenthüllen gleichermaßen, das nicht immer ohne Schmerzlichkeiten abgeht. So schien sich der junge Dürer vor dem Spiegel ungern direkt in die Augen blicken zu wollen.

Anlaß für das Video waren schwarze Balken auf Zeitungsfotos, die Kahrs animiert hatten. Auch hier scheint der Zugang zur komplexen Stimmungslage ohne symbolische oder metaphorische Krücken ("Maske herunterreißen" usf.) vonstatten gegangen zu sein, wie seinen Kommentaren zu entnehmen ist. Eben dies macht die Arbeiten von Kahrs so unverdächtig überzeugend.

Auch wenn die Videos es nicht so deutlich zeigen – Kahrs bedient sich dort, wo früher einmal von "zweiter Natur" gesprochen worden ist, also aus dem Arsenal unserer täglichen Objektwelt, die er nicht malerisch rekonstruiert, sondern emotional konfiguriert. Das heißt, er nimmt Zeitungsfotos, die er mit Kohle nachzeichnet, Filmbilder wie eine Einstellung aus einem Faßbinder-Streifen mit Kurt Raab, die nachgemalt werden, Geräusche und Musik aus berühmten Filmen, die er zu einem Soundstrom zusammenfügt. Grundsätzlich gilt: Das Objektmaterial, das meist eben schon vorverarbeitet ist, wird einer eigenen emotionalen Dynamik unterworfen, die es tordiert, verdichtet und mit neuen Akzenten versieht. Das Material wird auf diese Weise Bedeutungsverschiebungen unterworfen, die man nicht enträtseln muß, sondern es ist nur der emotionalen Spur zu folgen, die sie ziehen. In diesem Sinne ist auch eine hängende Skulptur zu verstehen, die Kahrs aus lauter Schutzmasken von Schweißern gebaut hat, und die – mit den Spiegeln versehen – vieläugig in den Raum blicken.