JOHN STEZAKER

FUMETTI

30. August – 09. November 2008

Der Brite John Stezaker (geb. 1949) hat sich schon in den 1970er Jahren entschieden, der vorhandenen Bildwelt nichts mehr hinzuzufügen, sondern mit gefundenem Material zu arbeiten – mit dem, was er in Katalogen, Büchern oder Magazinen, als Filmstills, Post- oder Autogrammkarten vorfindet. Seither nimmt er diese Abbildungen auseinander und fügt sie im Collageverfahren zu neuen Konstellationen zusammen. Was als Vorgehensweise zurückgenommen und vergleichsweise simpel anmutet, legt eine erstaunliche inhaltliche Vielschichtigkeit offen. Ursprüngliche Narrationsstränge werden aufgelöst und neue sinnträchtige Bildräume durch die Kombination, Drehung, Auslöschung oder Hinzufügung von Elementen geschaffen, die ursprünglich nicht zusammengedacht waren, nun aber exakt ineinander greifen. Seinen künstlerischen Ansatz beschreibt Stezaker selbst als den Versuch, „Dinge ernst zu nehmen, die gewöhnlich nicht ernst genommen werden.“  So unterläuft seine künstlerische Praxis eine durch die Flut verfügbarer Bilder ausgelöste kulturelle Amnesie und enthüllt eine Vielfalt von Themen wie Gender- und Aneignungsfragen, Begehren, Vorstellungskraft und Inspiration.

Seit Anfang der 1970er Jahre verfolgt John Stezaker nun konsequent seine künstlerische Dekonstruktion und Neuaufladung vorgefundener Bildquellen. Doch erst seit ein paar Jahren wird die Qualität und Bedeutung seiner Arbeit anerkannt und gewürdigt. Es ist bemerkenswert, dass jemand, der bei internationalen Kritiker/innen, Kurator/innen, Galerist/innen, Sammler/innen und Künstlerkolleg/innen gleichermaßen bekannt und geschätzt ist, dem breiteren Publikum so lange weitgehend unbekannt bleiben konnte. Heute jedoch fällt der Name Stezaker auch in Gesprächen mit Künstler/innen einer jüngeren Generation zunehmend häufig, wird immer wieder als wichtiger Einfluss für deren künstlerische Produktion benannt und mit dem aktuell zu beobachtenden Revival der Collage in Zusammenhang gebracht. Auf diese Weise schlägt sein Schaffen nicht nur eine Brücke aus den 1970er Jahren in die Gegenwart, sondern setzt sich darüber hinaus im Denken junger Künstler/innen vermittelt fort.

Die Ausstellung der GAK, die erste institutionelle Einzelausstellung von Stezaker im kontinentalen Europa seit 1979, spiegelt dies, indem sie Werke von 1976 bis in die jüngste Gegenwart zeigt. Im Mittelpunkt steht dabei seine neueste Serie Fumetti (2008). In den Fumetti setzt Stezaker seine Arbeit mit Star-Portraits fort, doch anders als in früheren Serien, stammen die Portraits jetzt aus Filmjahrbüchern der 1950er und 1960er Jahre. Ihre Einheit wird zerstört, indem die perfekt frisierten und geschminkten Gesichter von Schauspieler/innen aus Hitchcock-Klassikern zerteilt und zu monströsen Zwitterwesen neu zusammengefügt werden, deren Kopfformen blasenartige Ausstülpungen aufweisen und die die Perfektion ihrer Vorlagenbilder konterkarieren. Verstärkten diese massenhaft produzierten und beliebten Jahrbücher früher einen Hunger nach Glamour und Lifestyle, beschwören Alter und Qualität ihrer Bilder noch den brüchigen Status der Berühmtheit. Der Titel der Serie bezieht sich auf eine italienische Comictradition. Die hier angedeutete assoziative Linie von Comicblasen zu Rauchwolken (ital. „fumato“: „Rauch“) nimmt Stezaker in den Fumetti auf und demonstriert das Glamouröse und Perfekte als Flüchtiges – als polymorphen Rauch, der nicht zu fassen ist.

Die Fumetti werden in der Ausstellung in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst durch Auszüge aus 13 weiteren Serien ergänzt. Manchmal humorvoll, manchmal geheimnisvoll, manchmal unheimlich, aber immer spielerisch knüpfen sie entweder formal an Themen wie „Rauch“ oder „Blase“ an oder fokussieren inhaltlich damit verbundene Vorstellungen der Anamorphose, des Nicht-Fassbaren oder Vergangenen.

So nehmen etwa die wolkenartigen Formen der Serie Sublimes (1985-1995) Vorstellungen von der Idee des Erhabenen auf und unterlaufen sie. An traditionelle Darstellungen des Sublimen als Nebel oder Wolken in der Natur anknüpfend, zeigen sie formatfüllende weiße Formationen. Die durch den Anschnitt am unteren Bildrand sichtbaren Schornsteine jedoch entlarven die Verballungen als Rauchschwaden. Ideen der Erhabenheit werden hier mit Sinnbildern territorialer und industrieller Eroberung kombiniert – wie die Dampflokomotiven, die einst den Wilden Westen erschlossen, oder die Schornsteine der industriellen Revolution – und durch die Aufschlüsselung als Luftverunreinigung nachhaltig in Frage gestellt. In einer Welt, in der die Natur rasch zu verschwinden scheint, wird Technologie hier als Anfang und zugleich Ende des Erhabenen beschworen. So ist auch der Vorläufer der Sublimes, die Serie Stolen Skies (1976-1984), eine Sammlung von Beispielen, in denen Wolken und Blätter auf Fotografien retuschiert und „übermalt“ wurden. Die Vordergründe, die bei der Produktion der Sublimes von den Himmeln abgeschnitten wurden, sind wiederum in die Serie Lost Tracks aus den frühen 1990er Jahren eingegangen. Diese Collagen repräsentieren die Gegenstücke zu den Himmeln und stellen ein verbundenes Netz von Eisenbahnlinien dar, die sich gegenseitig aufheben und durchdringen.

Die Muses von 2008 bestehen, ähnlich den Fumetti, aus collagierten Männer- und Frauenportraits von Schauspielern des alten Hollywood. Sie wiederum knüpfen den ausstellungsbestimmenden Faden formal fort, indem die dort abgebildeten, in samtene Kleidung gehüllten Hermaphroditen Pfeife rauchen. Als „Rauchproduzent/innen“ erwecken die Musen treffend jene Sehnsuchtsvorstellungen wieder, die sich mit Darstellungen des Glamourösen verbinden. Auf ähnliche Weise spielt die Bubbles-Serie (1987-2007) auf die hermetischen Nester Joseph Cornells und die kindlichen Spiele mit Seifenblasen an. Als das ultimative Bild nächtlicher Faszination wird der Mond hier als Ort menschlicher Vorstellungskraft postuliert. Die Arbeiten von Tears (painting after Joan Miro) (2006) und Tabula Rasa (1978-2008) formulieren wiederum das Abwesende in den weißen Flächen, die Stezaker aus alten S/W-Filmstills ausgeschnitten oder in sie eingesetzt hat, und die das Ausgesparte merkwürdig dominant in den Vordergrund rücken lassen.

In der für Stezaker ungewöhnlich farbigen Serie Red Yellow and Blue (2007) schließlich kombiniert der Künstler Seiten aus einem Buch über Blumengestecke mit Abbildungen eines britischen Kinderbuches der 1950er Jahre, in denen Bilder familiärer Heimeligkeit und klassischer Geschlechterzuschreibungen beschworen werden. Die Erinnerung an ferne Kindheitstage voll scheinbarer Harmonie und die Sehnsucht nach der Geborgenheit eines (mit Blumengestecken verzierten) Zuhauses werden hier auf eine Weise zusammengeführt, die durch die wechselseitige Verstärkung die Fragwürdigkeit des Ersehnten offen legt. In ihrer Farbigkeit und Sättigung erinnern uns die Illustrationen an die Einführung von Farbe in die moderne Nachkriegszeit. Die Collagen verknüpfen so Intensität und Faszination von Kindheit und später Moderne und erinnern sowohl an deren ungeheuren Idealismus als auch unterdrücktes symbolisches Regime. Der Titel verweist auf Barnett Newmans epochemachendes Gemälde Who’s afraid of Red, Yellow and Blue? (1966), in dem dieser seine Ideen von bildimmanenter Harmonie formuliert.

Neben den genannten zeigt die Ausstellung Beispiele aus den Serien der Photoroman Collages (1976-77), Bridges (1996-2008), Masks (2007-2008), Nests (2007-2008), Film Still Collages (2008), Weigs (2005-2008) und 3rd Person Archive (1976-1984). Sie folgen ebenfalls dem thematischen Faden der Ausstellung und zeigen die Verhandlung des Übergangs von Materialität und Immaterialität des Bildes, die Vergegenwärtigung seiner ephemeren Merkmale und die Brüchigkeit dessen, was wir als gegeben erachten.

Kuratorin: Janneke de Vries

PUBLIKATION zur austellung


Die Ausstellung wird vom British Council unterstützt.