JULIEN BISMUTH

THE VENTRILLOQUISM AFTEREFFECT

19. Februar – 24. April 2011

Die Arbeit des französischen Künstlers Julien Bismuth (*1973, lebt in New York und Paris) bewegt sich auf der Grenze zwischen bildender Kunst und Literatur und verknüpft beide Disziplinen. Häufig steht am Anfang von Bismuths Vorgehen ein Text, gefunden oder selbst verfasst. Im Folgenden kombiniert er Wörter mit Objekten, Fotografien und Filmmaterial, integriert sie in Collagen und Installationen oder entwickelt textbasierte Performances und Video-Arbeiten. Die Nähe von Bismuths künstlerischem Schaffen zur Literatur äußert sich darüber hinaus in einer Promotion, die er in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Princeton University verfasst. Außerdem ist er publizistisch tätig, unter anderem im Rahmen des 2005 von ihm und dem Künstler Jean-Pascal Flavien gegründeten Verlags Devonian Press.

Sprache, die Notwendigkeit zum Ausdruck, die Unzulänglichkeiten und Schwierigkeiten, die in ihr begründet liegen, sowie die vielfältigen Möglichkeiten, Sprache durch Zitieren, Beschneiden oder Neu-Zusammensetzen formal zu nutzen – das ist auch der rote Faden, der sich durch die Ausstellung The Ventriloquism Aftereffect in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst und im Institut français in Bremen zieht. Bereits der Titel The Ventriloquism Aftereffect bezieht sich auf die Phänomene des gesprochenen Wortes, genauer auf den Zusammenhang zwischen Sprache und deren Wahrnehmung – beschreibt er doch einen Zustand, in dem nach einer Schädigung des Gehirns der Standort eines sprechenden Anderen nicht mehr im Raum lokalisiert werden kann. Als Referenzfigur fungiert der österreichische Schriftsteller Karl Kraus – sein Ringen um den angemessenen Ausdruck im Wort angesichts der Gräuel des 1. Weltkrieges sowie sein formaler Umgang mit Text, den er findet, ausschneidet, zusammenklebt und ergänzt. Dieses formale Vorgehen beschreibt Walter Benjamin in seiner Schrift über Karl Kraus (*Walter Benjamin: Gesammelte Werke, Bd. 3/2,  Suhrkamp Verlag , Frankfurt am Main, 1991) und nimmt Bismuth seinerseits in der Ausstellung auf, wenn er in den Räumen von GAK und Institut français Skulpturen, Filme, Installationen, Collagen, Texte und Audiostücke zu vielfältigen Variationen eines Grundthemas zusammenfügt: So zeigt der Film In dieser großen Zeit einen Bauchredner bei der Wiedergabe von Karl Kraus-Textauszügen über die Sprachlosigkeit des Schreibers angesichts der Gewalt unserer Zeit: „In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war, (...) in dieser ernsten Zeit (...) mögen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten. (...) Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!“ Der Protagonist des Filmes spricht den Text, ohne dies durch ablesbare Mundbewegungen deutlich zu machen und bleibt so in der Schwebe zwischen sprachlichem Ausdruck und Schweigen (während des Eröffnungsabends wird eine verkürzte Textversion als Performance aufgeführt).

Die Serie der Schnitte benannten Collagen orientiert sich auf formaler Ebene ebenfalls an Karl Kraus. Sie kopieren dessen, von Benjamin analysiertes Vorgehen, Texte und Bilder aus Zeitungen auszuschneiden und durch Aufkleben, Falten und Ergänzen einem neuen Sinnzusammenhang zuzuführen.
Auch das Audiostück Catalog, version 1:1 (serving friction) folgt einer Collagetechnik. Es besteht aus einer Vielzahl von Werkbeschreibungen, die Bismuth aus unterschiedlichen Kunstmagazinen des Jahrgangs 2010 zusammengesammelt hat und von einer computergenerierten Stimme über den Verlauf von über fünf Stunden lesen lässt, nachdem er vorher sämtliche Künstlernamen und Titel eliminierte. Das Hörstück legt die Unmöglichkeit der sprachlichen Erfassung visueller Gegebenheiten offen, indem die Beschreibungen im Verlauf des Stückes im selben Maße abstrakt und nebulös werden wie die Stimme unnatürlich erscheint. Die Installation Storm Cloud of the 19th Century lässt sich als collageartige Zusammenführung unterschiedlicher Objekte lesen. Sinn ergibt sich in ihrer Kombination erst durch den berühmten, gleichnamigen Text von John Ruskin, der der Arbeit in Auszügen beigegeben ist und ausführlich das Wetterphänomen der Wolke beschreibt. Als „Sturmwolke des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet Ruskin dabei die durch die industrielle Revolution entstehende Luftverschmutzung, die den Himmel Englands zu dieser Zeit nachhaltig verdunkelte. Alle bei Bismuth angeordneten Objekte fungieren als indirekte Metaphern der Ruskin’schen Ausführungen und des Wetters: Eine zerbrochene Vase bezieht sich auf ein Zitat des Textes, ein Stuhl scheint wie vom Sturm überflutet im Wasser zu stehen, ein Video zeigt Vogel- und Wolkenflug bei schlechtem Wetter und die Köpfe der Menschenmenge in einer Fotografie werden von einer undefinierbaren Wolkenform verdeckt. Die einzelnen Objekte agieren wie Schauspieler, denen der Text die Rolle zuweist, die sie im Stück zu spielen haben. Im Verlauf der Ausstellung wird Bismuth die Anordnung durch mehrere Briefe ergänzen, die als Fußnoten verschiedene Perspektiven auf die einzelnen Bestandteile der Arbeit eröffnen.

Die dreiteilige Arbeit der Abîmes besteht aus Quadratformen, die sich als Variationen auf den Wänden der GAK präsentieren: einmal als Umrissmarkierung auf der unbearbeiteten, weißen Fläche, einmal als abgebeizte Form und einmal als Umrissmarkierung auf einer vollständig abgebeizten Wand, die die unterliegenden Schichten offen legt. Das französische Nomen „abîme“ steht für „Tiefe“, als Verb bedeutet „abîmer“ soviel wie „beschädigen“. Es bleibt den Betrachter/innen überlassen, ob sie malerische und zeitliche Tiefe oder eine Beschädigung der Mauer in den zurückgenommenen Zeichen Bismuths lesen wollen. Die Leere der Wand ist durch ihre Vorstellungen zu füllen und knüpft so an die „Leerstelle“ in der Literatur an. Dieser Begriff bezeichnet Stellen, an denen verschiedene Erzählstränge, -perspektiven oder -haltungen in einem Text unvermittelt aufeinander stoßen und erst durch die Eigenleistung der Leser/innen in eine Beziehung miteinander gebracht werden.

Auch die Skulptur Shifter füllt eine Leerstelle innerhalb der Ausstellung, fungiert sie doch als Platzhalter für die Person des Künstlers – dementsprechend wird sie aus der Präsentation entfernt, sobald Bismuth in den Räumen der GAK anwesend ist, und wieder aufgestellt, sobald er sie wieder verlassen hat. Der Begriff „shifter“ umschreibt in der Linguistik und Semiotik eine Klasse von Wörtern, deren Bedeutung sich je nach Situation ändert bzw. durch den Gesamtzusammenhang, in dem sie benutzt werden, unterschiedlich definiert (eine bedeutende Gruppe der shifter sind bspw. die Personalpronomen).

Ergänzt werden diese Arbeiten von kleineren Interventionen, die durch ihre formale Nähe zu Satzzeichen verbunden sind: Ellipsis etwa besteht aus einem kleinen Stempel mit den drei Auslassungs-, Ellipsenzeichen, die anzeigen, das ein Text nicht abgeschlossen, sein Ende offen ist. Der Stempel wird ergänzt von einigen Büchern, alle auf der letzten Seite aufgeschlagen, alle durch drei Punkte am Schluss des letzten Satzes zu einem offenen Ende verändert. Blinking Idiot dagegen besteht aus einem in die Stirnwand der GAK eingelassenen LED-Licht, das im Intervall von zehn Sekunden aufleuchtet – acht Sekunden umfasst die wissenschaftlich nachgewiesene Zeitspanne, bevor wir beiläufig wahrgenommene Dinge wieder vergessen. Ou (dtsch: „oder“) besteht aus einem ebenfalls in die Wand eingelassenen Plastikrohr, das als performatives Handlungsangebot an die Besucher/innen zu lesen ist – entweder sie blicken durch das Loch in der Wand oder sie legen ihr Ohr an die Öffnung in der Hoffnung, dass sich die Geräusche des Raumes wie in einer Muschel konzentrieren oder ein intern produziertes Geräusch zu entdecken sei. Als scheinbares Handlungsangebot ist auch Dud zu verstehen: eine kleine Münze, die als Fehlprägung eine blanke Oberfläche ohne Abbildung hat und auf dem Boden der GAK liegt, als sei sie als Fundstück von den Betrachter/innen aufzulesen.

Wie Ou oder Dud sucht schließlich auch Bismuths Serie der Scripts die Nähe zur Performance. Außerdem bildet sie die Brücke zwischen GAK und Institut français. Während sich die drehbuchähnlichen, skizzenhaften Texte in englischer Sprache als gelegentliche Einsprengsel durch die Ausstellung in der GAK ziehen, bilden sie auf Französisch den Präsentationsschwerpunkt im Institut français. Die Texte selbst lassen sich als Kommentare, Anregungen oder Handlungsanweisungen lesen.

Bismuths Performances wurden bereits in der Kunsthalle Wien, der Tate Modern London und der Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main gezeigt. The Ventriloquism Aftereffect ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Julien Bismuth in Deutschland. Sie ist nach der Ausstellung The Inverted Harem I von Shannon Bool (26. November 2010 bis 30. Januar 2011) der zweite Teil einer Ausstellungskooperation zwischen dem CRAC Alsace Centre Rhénan d’art Contemporain Altkirch und der GAK im Rahmen des deutsch-französischen Austauschprojektes Thermostat .

Kuratorin: Janneke de Vries

DONNERSTAGSTERMINE begleitend zur Ausstellung (jeweils 19 Uhr):

03.03.2011
In dieser großen Zeit. Karl Kraus im Weltkrieg
Vortrag über den Schriftsteller Karl Kraus
von Christian Wagenknecht
Professor am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen

17.03.2011
Filmabend: The Great Gabbo (1929, USA, s/w, 92 min.)
und eine Sequenz aus Dead of Night (1945, GB, s/w, ca. 15 min.)

07.04.2011
CRAK-GAK
Ein Gespräch über das deutsch-französische Austauschprojekt Thermostat am Beispiel der Kooperatiion von GAK und CRAC Alsace
mit Cédric Aurelle (Institut français, Berlin), Julien Bismuth (Künstler), Sophie Kaplan (Direktorin CRAC Alsace), Nadège Le Lan (Leiterin Institut français Bremen) und Janneke de Vries (Direktorin GAK)

21.04.2011
Führung durch die Ausstellung mit Janneke de Vries, Direktorin


Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit:

Institut français de Brême
Institut français de Brême


Darüber hinaus entsteht die Ausstellung in Kooperation mit dem CRAC Alsace Centre Rhénan d’art Contemporain Altkirch, im Rahmen von Thermostat , Zusammenarbeit zwischen 24 centres d`art und Kunstvereinen.

Initiatoren

   


Förderer