NIEMAND IST EINE INSEL

13. September – 26. Oktober 2003

Jeremy Deller, Ayse Erkmen, Alicia Framis, Rainer Ganahl, Korpys/Löffler, Tracy Mackenna und Edwin Janssen, Rupprecht Matthies, Wolfgang Michael, N55, Sander/Claassen-Schmal, Bob und Roberta Smith, Superflex, Silke Thoss, Silke Wagner, Elin Wikström, Rémy Zaugg

Der Veranstaltungstitel Niemand ist eine Insel (original: No man is an island) entstammt dem Werk von John Donne (1572-1631).  Der Zeitgenosse Shakespeares, Poet, Theologe, Weltreisender und Dekan der St. Pauls Kathedrale in London verfaßte leidenschaftliche und bilderreiche Liebesgedichte, religiöse Lyrik und Predigten.

Kooperatives, interdisziplinäres Miteinander ist eine Arbeitsform, die bisher eher in den kreativen Bereichen von Wissenschaft und Wirtschaft, von sozialem Engagement und Gestaltung des Zusammenlebens vorstellbar war als in der Kunst. Als konstruktives Element hat sich jedoch eine solche - für Entwicklungen offene - Haltung in den letzten Jahren zunehmend in der bildenden Kunst weiterentwickelt. Dominierte früher die auf eine Person bezogene Autorenschaft, gewinnt nun eine Kunst an Bedeutung, die sich in kooperativen und arbeitsteiligen Projekten materialisiert. Hier kann die Kunst eine Reihe von spezifischen Qualitäten in kooperative Projekte einbringen, vor allem die Fähigkeit, grundsätzliche Fragen zu stellen und allzu pragmatische Problemlösungsmodelle zu ersetzen durch offene Prozesse. Diese Praxis widerspricht der Vorstellung, die in der Öffentlichkeit zumeist von „dem Künstler“ vermittelt wird - dem Bild einer begnadeten Ausnahmeerscheinung.
Diese Arbeitsweise verändert auch den Werkbegriff der Kunst. Kunst betont nun das Diskursive und orientiert sich an gesellschaftlich relevanten Fragestellungen. Das Werk ist nicht mehr eine endgültige Form, sondern gestaltet sich offen und prozesshaft. Mehr noch – in einigen Fällen ist die Kommunikation selbst das Werk.

Dieser wichtigen Tendenz in der aktuellen Kunst soll mit Niemand ist eine Insel nachgespürt werden. Exemplarische, in kooperativen Arbeitsformen verlaufende Projekte und thematische Orientierungen werden einen Ausschnitt aus der Bandbreite möglicher Optionen zeigen.

Niemand ist eine Insel bildet den Rahmen für sechzehn kooperative Kunstprojekte. Kooperativ soll heißen, sie basieren auf der Zusammenarbeit zwischen Institutionen, aktiv interessierten Menschen, Sozial- oder Bildungseinrichtungen und natürlich - den Künstlern. Oder andersherum: die in dieser Veranstaltung engagierten Künstler beziehen die  Bürgerinnen und Bürger in ihre Konzepte und Überlegungen von Beginn an als handelnde Subjekte mit ein. So entwickeln sich Kunstprojekte für und mit den Bewohnern der Stadt. Sie reflektieren die regionale Geschichte, jüngste Entwicklungen und aktuelle Problemstellungen. Dabei wird der urbane Raum, in dem Ergebnisse dieser Projekte vorgestellt werden, als eine Schnittmenge vielfältiger Einzel- und Gruppeninteressen verstanden und behandelt. Und das schließt auch die Konflikte mit ein, die die divergierenden Interessen zwangsläufig mit sich bringen. Erst durch diese Divergenzen entsteht eine Lebendigkeit, die wir auch als eine urbane Qualität empfinden.

Konkrete Ergebnisse wie zeitliche Abläufe von Kooperationen sind nicht nur von einer Idee, sondern auch von den konkreten Bedingungen der Zusammenarbeit und dem Engagement aller Beteiligten abhängig. Deshalb lassen sich weder künstlerische Form noch zeitliche Dauer dieser experimentellen und diskursiven Vorhaben genau vorhersagen. Es erscheint daher notwendig, den Rahmen in dem diese Kunst präsentiert wird, neu zu bestimmen. Wurden ähnliche Projekte zumeist in den überlieferten Formen und Rhythmen der für den Kunstbetrieb typischen Räume, Zeiten und allgemeinen Erfordernissen gezeigt, so erscheint hier die Erprobung anderer Präsentations- und Vermittlungsformen als eine sinnvolle Alternative.

Folglich ist Niemand ist eine Insel keine Ausstellung herkömmlicher Art, sondern definiert Modi, Zeiträume und Orte, die Einsichten in einen Werkprozeß ermöglichen sollen. Sie ist also vielmehr  Folge der jeweils besonderen Erfordernisse der Produktion der Kunstprojekte. Der Anfang oder das Ende eines  - vom Zusammenspiel vieler Faktoren und Menschen abhängigen - Projektes kann und muß nicht unbedingt mit der festgesetzten Dauer einer Ausstellung übereinstimmen. Unerwartete Wendungen und Erweiterungen als auch ein über die Zeitdauer der Ausstellung hinausgehendes künstlerisches Engagement sind erwünscht. Umgekehrt sind ebenso auch kürzere Präsentationszeiten einzelner Projekte denkbar.

Kuratoren:
Eva Schmidt und Horst Griese


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