ÖZLEM SULAK

AUFENTHALTSERLEBNIS

21. Februar – 26. April 2009

Die Türkin Özlem Sulak (geb. 1979, lebt in Bremen) füllt in ihren Filmen Diskursbegriffe wie “Migration” und “Identität” mit Leben, indem sie deren Realität in der Geschichte ihrer Familie und ihrer Umgebung nachzeichnet und so deren abstrakte Ebene in eine ganz persönliche umkehrt. Sulaks Herkunft aus einer von Immigration geprägten Familie, ihre Erfahrungen in westlichen Ländern wie Großbritannien oder Deutschland sowie ihre Auseinandersetzung mit Stereotypen, mit denen auch sie persönlich immer wieder konfrontiert wird, bilden den Grundton ihrer filmischen Arbeiten. Was ist Heimat? Wo kommen wir her? Wodurch werden wir geprägt? Wie können wir uns verorten? Das sind die existenziellen Fragen, denen Sulak nachspürt. Das allerdings auf eine Weise, die sich formal stark dokumentarischer Mittel bedient, Pathos vermeidet – und gerade dadurch eine emotional sehr anrührende Sprache findet.
In Granny z.B. setzt sie ihre Großmutter und Großtante aufs Sofa und lässt sie von ihrer Immigration aus dem westlich geprägten Sarajevo in ein von traditionellen Werten dominiertes Anatolien der 1930er Jahre erzählen. Beide Frauen lassen kein gutes Haar an der Türkei, scheinen sich in der neuen Heimat nie wohl gefühlt und bis heute Sehnsucht nach dem so viel freieren Leben ihrer Kindheit zu haben. Doch erzählt werden die Geschichten von emotionaler Einsamkeit (“Dein Großvater hat mir in 30 Jahren nie gesagt, dass er mich liebt”) und Verlust von persönlicher Freiheit wie Kinobesuchen oder Schulbildung in einem seltsam amüsierten Tonfall, der mehrfach in Gelächter übergeht. In Vratnik 13 macht Özlem Sulak sich auf, um der Vergangenheit von Großmutter und Großtante selbst nachzuspüren. Im kriegsversehrten und im Schneematsch trostlos daliegenden Sarajevo der Gegenwart versucht sie, das Haus der Kindheit beider Frauen in der Straße “Vratnik 13” zu finden. Angeleitet wird sie dabei von der Erinnerung ihrer Großmutter, die ihr per Handy den Weg durch eine Realitität weist, die schon lange nicht mehr existiert. In Deutsches Auswandererhaus schließlich begleitet Sulak vier türkische Frauen beim Besuch des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven. Statements zur Siuation der Auswanderer des 19. Jahrhunderts, die im dortigen Museum erfahrbar gemacht werden soll, verschmelzen hier mit der persönlichen Erfahrung, fremd in einem fremden Land zu sein.
In Bremen wird Sulak die drei Filme Granny (2005), Vratnik 13 (2007) und Deutsches Auswandererhaus (2008) in Installationen einbetten, die die jeweilige Atmosphäre der Arbeiten aufnehmen und verstärken.
Nach Studien in Istanbul und Liverpool studiert Özlem Sulak derzeit an der Hochschule für Künste in Bremen. Sie ist Gewinnerin des Villa Minimo Stipendiums des Kunstvereins Hannover und des Bremer Videokunstförderpreises 2008.

Kuratorin: Janneke de Vries