PELES EMPIRE

EVER BUILD

23. Februar – 08. Juni 2014

Kopien sind eng mit ihrem Original verknüpft und geben doch ein verzerrtes Bild auf das ab, was sie duplizieren. Kopien wiederholen und sichern ihre Vorlage, aber eröffnen auch die Möglichkeit, eine neue Perspektive auf sie einzunehmen – denn bereits der Vorgang der Reproduktion selbst entfernt sich vom Original, so dass die Kopie immer im gewissen Sinne eine Abstraktion ihrer Vorlage ist und eine Verschiebung in Wahrnehmung, Ausformung oder Material stattfindet.

Diesen Mechanismen spüren Peles Empire, ein Zusammenschluss der Künstlerinnen Katharina Stöver und Barbara Wolff, auf vielfältige Weise nach. Ausgangspunkt ist dabei das Schloss Peles, eine für König Carol I. Ende des 19. Jahrhunderts fertig gestellte Sommerresidenz in den rumänischen Karpaten. Die Innenausstattung von Peles zeichnet sich durch einen kruden Stilmix aus, in dem jeder Raum unterschiedlichen Epochen der Vergangenheit gewidmet ist. So gibt es etwa ein gotisches, ein barockes, ein Renaissance- oder ein Art Déco-Zimmer. Der Grundgedanke des Schlosses ist also der einer Architektur gewordenen Kopienansammlung, ein Gestalt gewordener Traum historistischer Bau- und Ausstattungskultur. 2005 hat das Künstlerduo Peles Empire begonnen, seine einzelnen Räume fotografisch festzuhalten. Seither sind diese Aufnahmen auf unterschiedliche Weise Dreh- und Angelpunkt ihres künstlerischen Schaffens. Sie bilden die Grundlage nicht nur von eigenen Arbeiten, sondern auch von kuratorischen Projekten.

So rekonstruieren Stöver und Wolff auf der Basis der in Peles gemachten Fotografien zunächst einzelne Räume des Schlosses, indem die Bilder den jeweiligen Ausstellungsraum wie Wandtapeten auskleiden. Diese Situation bildet oft den Hintergrund für Ausstellungen anderer, vom Duo eingeladener Künstler/innen (z.B. in ihrer ehemaligen Wohnung in Frankfurt oder in den beiden von ihnen betriebenen Projekträumen in London und Cluj) oder für eine Bar (2011 in den Frieze Projects der Frieze Art Fair in London). Die mittels der Wandtapeten rekonstruierten Räume können aber auch als eigenständige Setzung bestehen (etwa 2009 in der Gruppenausstellung Space Revised. Friendly Takeovers in der GAK Bremen). Weiter steht die Verschiebung von der Dreidimensionalität des originalen Schlossraumes hin zur Zweidimensionalität seiner Reproduktion wieder zurück zur Dreidimensionalität des Ausstellungsraumes im Fokus. Eine schrittweise Verzerrung auf allen Ebenen also. In diesem Zusammenhang fügt sich auch der Ausschank rumänischen Schnapses in der Peles-Bar der Frieze Kunstmesse oder auf der Ausstellungseröffnung von EVER BUILD in der GAK sinnfällig ein – führt sein Konsum doch ebenfalls zu einer verzerrten Wahrnehmung unserer Welt.

Seit 2010 erweitert das Duo seine Umgangsweise mit dem Bildmaterial des Schlosses und treibt den Gedanken der Abstrahierung eines Originals mittels seiner Reproduktion immer weiter. Im Fokus ihrer Herangehensweise steht dabei weniger das finale Ergebnis, sondern vielmehr der Prozess, in dem man von dem einen zum anderen Werk gelangt, und die Frage: Was verliert man auf diesem Weg und was gewinnt man hinzu? Dafür kopieren die Künstlerinnen Ausschnitte ihrer Fotografien des Schlosses in s/w auf DINA3-Papier (dem klassischen Kopienformat), stellen also Reproduktionen der Reproduktionen her, die in ihrer Farbigkeit, Materialität und Ausschnitthaftigkeit kaum noch einen Hinweis auf das Original geben. Diese Kopienblätter werden zu großformatigen Papierarbeiten collagiert oder zu Pappmaché weiterverarbeitet und zu minimalistischen Skulpturen und Bodenplatten geformt. Letztere werden zu Hybriden zwischen eigenständiger Setzung und Träger für andere Werke, indem sie oftmals eine Aufgabe im architektonischen Gesamtzusammenhang des Raumes übernehmen, als Abtrennung, Sichtschutz oder Sockel für die Keramiken und kleineren Objekte von Peles Empire dienen. Auch bei den skulpturalen Arbeiten handelt es sich um Abstrahierungen der DINA3-Papiere mit Schlossausschnitten oder von Ausstattungsgegenständen des Gebäudes. Durch die Methode des Kopierens und hierarchielosen Nebeneinanderstellens verschiedener Materialien und Stile verzerren Peles Empire ihre Vorlage immer mehr – so weit, dass das Original nahezu verschwindet und sich etwas eigenständig Anderes formt, sich eine neue Perspektive aus dem Bekannten eröffnet.

Für EVER BUILD in Bremen haben Peles Empire neue Arbeiten entwickelt, die sie in eine eigens für den Ort konzipierte Präsentation integrieren. Der Ausstellungsparcours beginnt mit bodenlangen Papierarbeiten, die den Raum in kleine Kompartimente unterteilen, Bewegung von den Besucher/innen erzwingen und in den meisten ihrer Darstellungen noch deutliche Hinweise auf das Schloss als Methode des präsentierten künstlerischen Ansatzes geben. Doch handelt es sich auch hier schon nicht mehr um die Wandtapeten, die auf die fotografische Dokumentation des Peles-Schlosses folgten, sondern um eine Akkumulation von DINA3-Kopien von Ansichten und Details aus früheren Installationen, die die Künstlerinnen mit den Wandtapeten umgesetzt haben. Die Papiere hängen von der Decke bis zum Boden, wobei ihr monumentales Format und das architektonische „Gesetzt-Sein“ ihrer Darstellungen von der Leichtigkeit konterkariert wird, mit der sie auf jeden Luftzug im Raum reagieren und leise hin und her schwingen.

Konkrete Bezüge auf das Schloss sucht man im hinteren Bereich der Ausstellung vergebens: Hier lösen sich monumentale Zementabgüsse und abstrakte Pappmaché-Arbeiten an den Wänden und auf dem Boden visuell scheinbar vollständig von ihrem Gegenstand (obwohl auch sie Details aus dem fotografischen, schlossbasierenden Fundus von Peles Empire als Grundlage haben) und stellen eher Fragen nach der Materialbeschaffenheit, von Fragilität vs. Monumentalität, den unterschiedlichen Qualitäten von Fläche und Raum oder nach dem malerischen Gestus. Kleinformatige Keramiken sind ebenfalls auf dem Boden angeordnet und führen in ihrer Zersplitterung den Ausstellungstitel EVER BUILD ad absurdum. Darüber hinaus demonstrieren sie ein ähnlich unvereinbares Nebeneinander wie schon die Stilakkumulationen des Schlosses Peles – fügen sie doch mit Porzellan und Ton zwei Materialien zusammen, die nicht ohne Schäden gemeinsam gebrannt werden können.

Die kobaltblauen Zementtüten der Firma Ever Build ergänzen die Präsentation im hinteren Ausstellungsteil um ein Readymade-Element, das nicht nur der Ausstellung ihren Titel gibt, sondern darüber hinaus Farbakzente setzt (die sich zum Teil auf den Keramikobjekten fortsetzen), gelegentlich zum Träger für die Pappmaché-Platten wird, das Material für die großen Abgüsse lieferte und sich inhaltlich mit architektonischen Vorstellungen von Ewigkeit verknüpft (ein Anspruch, mit dem König Carol I. das Peles-Schloss Ende des 19. Jahrhunderts hatte bauen lassen und den die Zersplitterung der Keramiken sofort wieder unterläuft).

Vom Beginn von EVER BUILD bis zu seinem Ende vollzieht sich also eine schrittweise Abstrahierung, die das Schloss als solches zunehmend in den Hintergrund treten lässt, jedoch seiner Methode der hierarchielosen Reihung von Materialien und Gattungen strikt verhaftet bleibt und eben dadurch neue Denkräume öffnet. EVER BUILD führt damit exemplarisch den eigenständigen Umgang von Peles Empire mit dem Medium Fotografie vor – entwickeln die Künstlerinnen die Gattung doch auf ihrer Suche nach immer weiterführenden Verzerrungen nicht nur in Kopiencollagen, sondern auch in Skulpturen und malerisch anmutenden Werken weiter.

Die Ausstellung wird begleitet von einem ausführlichen Rahmenprogramm.

Alle DONNERSTAGSTERMINE, jeweils 19 Uhr:

06.03.2014    
Führung durch EVER BUILD mit Janneke de Vries, Kuratorin der Ausstellung.

10.04.2014
EVER BUILD and others
Künstlergespräch zwischen Peles Empire und Janneke de Vries zur Ausstellung in der GAK und dem Werk von Peles Empire im Allgemeinen.

24.04.2014
The Empire Strikes Back: Peles Empire, artists & radical curators
Vortrag von Isobel Harbison, freie Kuratorin und Kritikerin (u.a. Frieze, Kaleidoscope oder Modern Painters) aus London, über die kuratierten Projekte von Peles Empire und den Aspekt der Künstlerkurator/innen. In englischer Sprache.

08.05.2014
Other People's Lives
Filmabend mit Beiträgen von Lucy Beech, Mark Barker und Edward Thomasson (Künstler/innen, London). Eingeladen von Peles Empire.

05.06.2014
Führung durch EVER BUILD mit Svea Kellner, kuratorische Assistenz.


LANGE NACHT DER MUSEEN
Samstag, den 24. Mai, 18 – 1 Uhr:
Musiklounge, Führungen um 20 und 23 Uhr, Verkauf von Miniaturarbeiten von Bremer Künstler/innen und Verpflegung im benachbarten penGwyn.


Die Ausstellung wird gefördert von:



 
 
Die GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst wird gefördert durch: