ROLF DIETER BRINKMANN

WÖRTER SEX SCHNITT

15. Dezember 2005 – 08. Januar 2006

Er sei der erste deutsche Popautor, urteilt Herbert Kapfer über den akustischen Nachlass von Rolf Dieter Brinkmann. Anlässlich des 30. Todestages 2005 des in Vechta geborenen Grenzgängers hat er zusammen mit Katarina Agathos und Maleen Brinkmann fast elf Stunden Originaltonbandaufnahmen des Dichters aus dem Jahr 1973 herausgebracht - und zwar weitgehend unbearbeitet.

Fünf "Readytapes" erschließen die radikale Experimentierfreude Brinkmanns. Drei Monate lang lotete dieser die Grenzen des Mediums aus: Lautpoetisch, aktionistisch oder durch Montage. Jede Stimmung und Situation wird schonungslos dokumentiert. Monologe mit dem Mikrofon, Textimprovisationen, Schaben, Pusten, kratzen am Gerät, mit dem Sohn spielen und herumalbern, den Stand seines Kontos bei der Stadtsparkasse in Köln vorlesen, auf der Straße und in Kneipen provozierende Fragen stellen – aber auch schonungslos mit sich selbst sein. Rauschen, Huster, Versprecher – alles, was bei der Aufbereitung gewöhnlich weg geschnitten oder unterdrückt wird, ist ihm willkommenes Gestaltungsmittel. Kurzum: Faszinierende situative Präsenz.

Seine Gedichte aus dem Band "Westwärts 1 & 2" erprobte er in Cambridge erstmals vor Publikum. Einfach "wie Songs" sollten sie sein, heißt es im Vorwort. Einfach klangen sie in Wahrheit nie. Aber dass sie dem Rock 'n' Roll abgelauscht waren, lässt sich noch heute hören – z.B. auf dem unter dem Titel "The Last One" herausgegebenen Mitschnitt seiner letzten Lesung 1975.

Die Ausstellung präsentiert den Hörkosmos Brinkmann sowie alle Erstausgaben seiner Bücher aus dem Archiv Seinsoth, in denen er mit Texten und Bildern experimentiert. Sie spürt der Erweiterung der traditionellen Definitionsgrenzen von Literatur in verschiedene Richtungen nach. Rolf Dieter Brinkmanns Vorstöße zur Bildcollage und zur Sound Art sind ein prägnantes Beispiel für artverwandte Entwicklungen in Literatur und Bildender Kunst. Die Ausstellung versucht, diese parallelen Universen zusammen zu führen.

Kuratorin: Gabriele Mackert


TERMINE

Eröffnung
Donnerstag 15. Dezember 2005, 19 Uhr

Führung
mit Udo Seinsoth, Bremen
Dienstag, 20. Dezember 2005, 19 Uhr

Kommentiertes Hören
mit Dr. Olaf Selg, Berlin
Sonntag, 8. Januar 2006, 16 Uhr

„Mich bedrängt von allen Seiten diese verdammte verfluchte Scheiß Realität“, ruft der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann im November 1973 aus. Dieser Alltagsrealität war Brinkmann auf der Spur, als er mit einem Tonbandgerät ausgerüstet für eine Rundfunksendung in seinem Kölner Umfeld akustisches Material sammelte. Im Frühjahr 2005 wurden davon 5 CDs unter dem Titel „Wörter Sex Schnitt“ veröffentlicht. Die Aufnahmen rufen nicht nur die Hörspiele Brinkmanns wieder ins Gedächtnis, sondern knüpfen ebenso an seine collagierten Materialbände an, die allesamt in den frühen siebziger Jahren entstanden sind. Die Nachmittagsveranstaltung möchte anhand von Hörbeispielen einen Einblick in die akustischen Arbeiten Brinkmanns und ihre Stellung in seinem Gesamtwerk geben.

*Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die CD-Edition „Rolf Dieter Brinkmann: Wörter Sex Schnitt. Originaltonaufnahmen 1973. Herausgegeben von Herbert Kapfer / Katarina Agathos. Unter Mitarbeit von Maleen Brinkmann. Intermedium records 2005“