SHANNON BOOL

THE INVERTED HAREM I

27. November 2010 – 30. Januar 2011

Alltag, Literatur, Psychologie, Musik und Kunstgeschichte bilden die wichtigsten Quellen für die künstlerische Produktion der Kanadierin Shannon Bool (geb. 1972, lebt in Berlin). Ihre Gemälde, Photogramme, Collagen, Teppiche, Wandmalereien und Objekte kreisen um die Untersuchung von Kontextverschiebungen und Bedeutungstransfers. Es interessiert sie, wie die Vorstellungen von ein- und derselben Sache sich in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten äußern oder wie Alltägliches und kulturgeschichtliche Referenzen auf der Basis ihrer ursprünglichen Bedeutungen zu neuem Ausdruck gebracht werden können. Verschiedene Bezüge und Epochen werden bei Bool zu zeitgenössischen Bildern zusammengesetzt, die vergangene und gegenwärtige Motive, Material und historische Aufladung verweben.

Bools Ausstellung in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst trägt den Titel The Inverted Harem I. Symbolisiert in der Idee des bis heute Geheimnis umwobenen Harems kreist die Präsentation um Aspekte wie die Gegenüberstellung abendländischer Projektion und morgenländischer Realität, um die Fantasie von einem vor der Öffentlichkeit abgeschlossenen Raum, um Bedeutungstransfers von Materialien und von Vorstellungen des Weiblichen, Erotischen oder Orientalischen sowie um die Annäherung an all diese Phänomene durch die Kunst. So geben etwa Bools Teppiche die westliche Sicht auf orientalische Ornamentik wieder, wenn sie Tischdecken aus Stilllebenmalereien des 15. Jahrhunderts oder Auslegeware englischer Pubs zitieren, die sich ihrerseits auf Muster aus dem Morgenland beziehen. Bool inszeniert ein Hin- und Her zwischen den Kulturen, wenn sie solche Gemäldeausschnitte und Kneipenböden in Zeichnungen überträgt und diese Entwürfe von traditionellen Teppichknüpfern in Anatolien zu prächtigen Bodenbildern umarbeiten lässt. Nur die zentralperspektivischen Verschiebungen, die Shannon Bool aus der zweidimensionalen Vorlage übernimmt und bei der Übertragung in das dreidimensionale Objekt nicht auflösen lässt, bilden in ihrer Irritation einen Hinweis auf den ungewöhnlichen Kontext von Herkunft und Entstehung ihrer Teppiche. Neben diesen Bodenarbeiten formulieren mehrere den Raum akzentuierende Stelen Ideen des Bedeutungstransfers, indem sie Vorstellungen von Stripteasestangen und Zugängen zum Transzendenten, phallische Symbolik sowie kunstgeschichtliche Referenzen an Barnett Newman oder den Minimalismus zusammenführen.

Einen weiteren Schwerpunkt von The Inverted Harem I bilden zwei Photogramme, die die glänzende Oberfläche der Stelen aufnehmen. Das vom Architekten und „Ornamentgegner“ Adolf Loos 1903 für seine Ehefrau entworfene Schlafzimmer wird bei Shannon Bool zu einem Raum für Materialgegensätze und Interpretationen des Weiblichen. Und Constantin Brancusis Sleeping Muse sieht sich in eine Diskussion um Reduktion und Ornament verwickelt. Ergänzt werden Stangen, Teppiche und Photogramme durch zahlreiche Gemälde, die zum einen eher formalistischen Fragestellungen nachzugehen scheinen (Radiator Grill, Thrawing Pane oder Curtain) und zum anderen Traditionen der malerischen Darstellung nachspüren (The Break, Woman with Alter Ego oder Kali). Sie alle werden zu Konglomeraten von malerischen Klischees (mittels Seidenmalerei, der Vermischung von Abstraktion und Gegenständlichkeit, von Kitsch und malerischer Tradition, von Hobbytum und Könnerschaft), von der Einbeziehung des Dreidimensionalen in das Zweidimensionale (durch Sichtbarmachung der hinter ihnen liegenden Wand und des vor ihnen liegenden Raumes) und von kunstgeschichtlichen Bezügen (von japanischen Ornamenten über Art Déco bis zu Jasper Johns).

In einem linearen Aufbau entwickelt sich The Inverted Harem I dabei schrittweise von einem offenen Bereich sozialer Aktion  zu einem abgeschlossenen, intimen Raum – ablesbar in der sich verändernden Lichtsituation sowie einer zunehmenden architektonischen Abgeschlossenheit. Der soziale, kommunikative Raum wird zu Beginn der Ausstellung durch die Bar Faselliese repräsentiert, eine mit Früchten und Sekt ausgestattete und „benutzbare“ Skulptur, die Shannon Bool in Kooperation mit der Berliner Künstlerin Alex Müller realisiert hat und die einen Ort schaffen soll, an dem es sich mit der Hilfe von Essen und Trinken leichter über Kunst reden lässt. Von dort tauchen die Besucher/innen in die Thematiken von Bedeutungsverschiebungen zwischen Kulturen, Realität und Vorstellung, Epochen, Materialien und Formen ein – um sich am Ende des Raumes in einer konzentrierten, geradezu intim abgeschlossenen Situation wieder zu finden, die Stele, Teppich und Gemälde zu einer Geschichte über den geschützten und zu schützenden Bereich der Fantasie(n) zusammenfügt.

Nach zahlreichen Teilnahmen an nationalen und internationalen Gruppenausstellungen ist The Inverted Harem I in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst Shannon Bools erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland.

Kuratorin: Janneke de Vries

PUBLIKATION ZUR AUSSTELLUNG


DONNERSTAGSTERMINE begleitend zur Ausstellung (jeweils 19 Uhr):

02.12.2010
Bar Faselliese feiert rein
Künstlergespräch zwischen Shannon Bool und Janneke de Vries mit Sekt und Musik

16.12.2010
Führung durch die Ausstellung mit Janneke de Vries, Direktorin

06.01.2011
Europa und der Orientteppich
Vortrag von Simone Jansen, wiss. Mitarbeiterin der Teppichsammlung, Museum für Völkerkunde Dresden

20.01.2011
SAMSA PRÄSENTIERT
Shannon Bool und Alex Müller (Künstlerin, lebt in Berlin) über ihren temporären Ausstellungsraum SAMSA PRÄSENTIERT


Die Ausstellung wird unterstützt von:


Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem CRAC Alsace Centre Rhénan d’art Contemporain Altkirch und dem Bonner Kunstverein.
Die Ausstellung von Shannon Bool findet im Rahmen von Thermostat, Zusammenarbeit zwischen 24 centres d`art und Kunstvereinen statt.



Initiatoren

   




Förderer